The Walking Dead

Irgendwie ist es witzig, wie sich Geschichte wiederholen kann. Letztes Jahr hatte ich nämlich mein ganz persönliches Spiel des Jahres, welches wie für mich gemacht wirkte und jede Phaser meiner Persönlichkeit ansprach, während das eigentliche (und auch verdiente) Spiel des Jahres wirklich sehr gut war, mir aber diese persönliche Note an mich fehlte. Es gibt zum einen die Spiele, die wirklich sehr, sehr, sehr gut sind und die man gerne gespielt hat, aber wahrscheinlich in nächster Zeit nicht nochmal spielen wird. Dann sind da die Spiele, die nicht unbedingt gut sein müssen, aber doch irgendwie einen ansprechen. Diese Spiele muss man sofort oder immer mal wieder jährlich spielen und diese Spiele prägen den Spieler auch. The Walking Dead von Telltale Games ist jedenfalls nicht unbedingt mein persönliches Spiel des Jahres, aber The Walking Dead ist ein verdientes Spiel des Jahres.

Das Besondere an The Walking Dead sind die Entscheidungsmöglichkeiten in Form von Moral-Fragen. Dies ist ein Game-Feature, welches es mal immer wieder gibt, aber meistens eher arm umgesetzt wird. So wählt man im Prinzip zwischen Mutter Theresa und Hitler, also den Extremen aus Gut und Böse. In The Walking Dead hingegen gibt es diese Einteilung nicht. Es gibt eigentlich keine richtige oder falsche Entscheidung. Alles, was ich zu entscheiden habe ist im gleichen Masse gut oder falsch. Wichtig ist meine Reflektion mit diesen Fragen und was ich denke, was gut oder falsch wäre. Dabei geht es nicht nur darum, ob ich entscheide Person A oder Person B zu retten, sondern u.a. auch ob ich einem Mädchen die Wahrheit über den Tod ihrer Eltern verrate.
The Walking Dead hievt die Entscheidungen um das eigene Gewissen auf eine ganz neue Ebene. Wenn ich sage, dass Fallout 3 richtungsweisend für all diese Open World Shooter ist, so ist The Walking Dead richtungsweisend für dieses Multiple Choice-Feature. The Walking Dead ist zwar „nur“ ein Adventure, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Ausarbeitung der Charactere und die Situationen, mit denen der Spieler konfrontiert wird und Entscheidungen treffen muss, auch nicht auf andere Genres einsetzbar wären. Deswegen sehe ich The Walking Dead genreübergreifend als richtungsweisen.
Dazu ist es auch interessant zu beobachten, wie die Zombies in einigen Episoden belanglos und eher zu einer weit enfernten Gefahr werden. Eben nur der Handlungs-Rahmen, für den die Zombie-Apokalypse auch irgendeine andere Apokalipse sein könnte.

Dabei hatte mir The Walking Dead aber recht früh ein Schlag ins Gesicht verpasst. Nachdem ich völlig angetan von dem Spiel die erste Episode beendet hatte und nach einer Pause die zweite Spielen wollte, hatte ich ein Problem: Das Spiel hatte einen Absturz und ich konnte es nicht starten. Nachdem ich das Spiel als Admin und unter einem anderen Kompaktibilitätsmodus gestartet hatte, hatte ich ein neues Problem: Mein Spielstand war weg. Also musste ich die erste Episode nochmal neu anfangen, worauf ich eigentlich keine Lust hatte. Erst Recht, da ich nicht mit dem Spiel herum pokern wollte, ob es irgendwann wieder beschließt mich nochmal von vorne spielen zu lassen.
Dies ist ein Problem, welches häufig auftratt. Also nicht bei mir, aber bei anderen und welches wohl ein sehr bekanntes Problem ist. Der Spielstand von The Walking Dead hängt sich von Episode zu Episode gerne mal auf und ist weg. Eine Lösung von Telltale Games ist nicht bekannt und auch ein Patch wurde noch nicht angekündigt. The Walking Dead ist ein grandioses Spiel, aber der Support ist mies. Ich konnte mich damit retten, dass ich immer mitten in den Episoden aufgehört hatte und von Episode von Episode spielte.

Ansonsten ist ein großes Plus für das Spiel die Haupt-Figur Lee. Rein die Perfomance ist völlig überzeugend und Lee ist ein absoluter Sympathieträger. Wenn man einer Figur gerne dabei zusieht, wie sie ein Radio überprüft und repariert, dann läuft da diesbezüglich etwas richtig gut. Es machte einfach Spass, als Lee zu spielen. Dazu stimmten auch die Reaktionen bei den Multiple Choice-Fragen. Bei anderen Spielen verhalten sich die Figuren nämlich gerne sehr unvorhersehbar und völlig anders, als man von der jeweiligen Option vermutet hätte. So wird aus einem vorsichtigen Antasten ein Schlag mit dem Vorschlaghammer. In The Walking Dead hingegen reagiert Lee größtenteils genauso, wie ich es erwartet hatte.
Ich konnte meine Person auch in Lee wieder entdecken durch die Art, wie die anderen Character meine Entscheidungen kommentierten und mir ihre Eindrücke von mir mitteilten. Im wahren Leben ist es typisch für mich ohne Plan etwas zu machen und dabei auf das beste zu hoffen – was häufig auch irgendwie klappt, womöglich aber auch nur weil ich mehr Glück als Verstand hatte. Als Lee dann zu sagen, die bisherige Vorgehensweise ist gut, weil es bisher auch geklappt hat, entsprach so dermassen meiner Person.
Ich fand auch die Stelle mit dem Stranger sehr interessant. Indem der Spieler dazu gebracht wird über sich selbst und seine Entscheidungen zu reflektieren, wird ihm gezeigt, was für ein Monster dieser in Wirklichkeit ist. Menschen haben meistens immer ein anderes, ideales Bild von sich selbst vor Augen. Dieses Gespräch packt dies an, um den Spieler zu zeigen, wie böse er ist und ob er nicht in Wirklichkeit der Bösewicht im Spiel ist. Der Spieler fängt also an, sich selbst und seine Entscheidungen zu hinterfagen. Wobei dieses Gespräch auch eine gewisse Doppelbödigkeit besitzt und der Spieler die Gelegenheit bekommt nicht nur über sein eigenes Verhalten zu reflektieren, sondern auch die Anklagen in einer Welt ohne ‚falsch‘ oder ‚richtig‘ zu hinterfragen.
The Walking Dead ist ein sehr emotionales Spiel geworden – abseits von dem Spielstand-Bug. Ich merkte dies am Ende an mir selber, wenn ich an bestimmten Situationen nichts mehr zu sagen hatte, was zum Schluss auch immer häufiger wurde. Keine Antwort schien noch passend zu sein und schweigen ist die einzige richtige Option für mich gewesen.
Auch die Art, wie ich mich vor mir selbst rechtfertigte, wurde für mich bemerkenswert. Ich habe Larry töten lassen und Lilly zum sterben ausgesetzt, weil sie einen Menschen töteten oder getötet hätten. Dazu muss ich aber zugegeben, dass ich ihnen im Grunde genommen auch keine ernsthafte Chance gegeben hatte und meine Beweggründe womöglich niedriger waren, als eigentlich von mir gedacht.

The Walking Dead ist aber auch kein Spiel ohne Makel, wenn auch eher kleinere – schließlich hat selbst die Mona Lisa Ecken.
Besonders ärgern tut mich die erwähnte, technische Umsetzung, wie der erwähnte Save-Bug. Einige Leute hatten die 4. Episode beendet und dann war zur 5. der Spielstand weg. Aua! Und bisher scheint nichts über einen Patch bekannt zu sein. The Walking Dead ist auf jeden Fall wohl das Spiel des Jahres, aber wegen dem mangelden Support würde ich Telltale Games nicht als die Entwickler des Jahres bezeichnen.
Dazu auch die Ruckler. Es ruckelt hin und wieder und gen Schluss so stark, dass ich mal eine Pause einlegen musste. Das hätte einfach nicht sein müssen. Von der technischen Umsetzung mangelt es bei dem Spiel schon etwas. Auch wie ich am PC völlig umständlich das Spiel als Admin in einem anderen Kompaktibilitätsmode starten muss, müsste eigentlich auch nicht sein.
Auch die Umsetzung der Achiements. Nicht falsch verstehen, ich bin keine Achiement-Whore und kümmere mich auch nicht sonderlich um die Dinger, aber die Umsetzung der Achiments fand ich lame. Ja, es ist nitpicking, aber ich mag generell keine „Spiel das Spiel“-Achiements und bei The Walking Dead bekommt man Achiements für das beenden der einzelnen Kapitel und Epidosen – also dafür, das Spiel gespielt zu haben.
Und btw: Who the fuck was Mark? Die 2. Episode war richtig stark, aber Mark war der typische Red Shirt-Character: Schnell in dieser Episode eingeführt, um später für den Plot geopfert zu werden.

Eingehen möchte ich noch auf den oft kritisierten Punkt, wie die Entscheidungen in The Walking Dead im Grunde genommen kaum Konsequenzen mit sich bringen. Ja, stimmt, die Handlung verläuft immer in den selben Bahnen und das Ende ist immer gleich. Aber ist das eigentlich relevant? Will The Walking Dead ein freies Spiel sein, welches mir für jede Entscheidung 20 mögliche Weggabelungen und damit absurd viele Endings bietet? Ich denke das Konzept hinter den Multiple Choice-Optionen wird hier missverstanden. Es geht nicht darum, dass sich das Spiel ändert und jeder Durchgang völlig anders ist als der vorherige. Bei The Walking Dead dreht es sich eher um die Reflektion mit diesen Fragen und wie der Spieler sich mit diesen auseinander setzen muss. Ja, Lilly wird in jedem Fall eine Person erschießen, wichtig sind aber nicht die Alternativen dazu, sondern wie ich mit der Situation umgehe.
Dazu auch das Gespräch mit dem Stranger, welches sich nicht darum dreht die Alternativen zu diskutieren, sondern ob ich im Recht lag und vor allem, ob ich die Entscheidungen wieder getroffen hätte.
Dazu dienen auch die Nebencharactere, die die Entscheidungen repräsentieren. Nehmen wir die Frage, ob wir einen Menschen in der Apokalypse töten würde, so haben wir Lilly und Kenny. Kenny hätte Ben zurückgelassen und hätte ihn womöglich sogar getötet, am Ende versucht er aber dennoch ihn zu retten. Lilly auf der anderen Seite nimmt ein Opfer in Kauf und tötet sogar selber, um das Überleben ihrer Gruppe zu sichern. Diese beiden Personen sind die Extreme, zwischen denen ich mich mehrmals entscheiden muss. Von den beiden Personen abgesehen gibt es aber auch viele andere Charactere, die mich über meine Entscheidungen zum nachdenken bringen, indem sie mich direkt mit meinen Entscheidungen konfrontieren oder ihre Konflikte, die sie durchleben, wiedererkenne.
Dem Spieler zu suggestieren, dass seine Entscheidungen weitreichende Folgen hätten, hält dieses System stabil, denn eine Entscheidung wird wichtig durch die Konsequenzen. Würden diese wegfallen, hätten die Entscheidungen aber auch keine Bedeutung mehr. Deshalb muss man dem Spieler diese Illusion bieten und solange dieser Spieler die Illusion auch nicht zu voll oder ernst nimmt und dabei akzeptiert, nicht in mit 20 verschiedene Endings belohnt zu werden, geht dieses Konzept auch auf.
Man muss dazu auch festhalten, dass alternative Handlungen auch erst ab einem 2. Durchlauf Sinn machen. Während dem ersten Durchlauf bringt es mir nichts, wenn die Handlung in diesem Moment völlig anders verläufen könnte, ich muss es erst ein 2. Mal gespielt haben, wofür man dann aber meistens doch die Motivation, die Zeit und die Lust fehlt. Auch die Frage, ob ich mich völlig anders entscheiden könnte, als ich es beim ersten Mal getan habe. Am Ende spiele ich dann doch womöglich wieder komplett gleich.

Wie gesagt, The Walking Dead sollte das Spiel des Jahres sein. Dabei mag meine Einleitung etwas nüchtern klingen, denn The Walking Dead ist nicht nur ein sehr, sehr, sehr gutes Spiel, welches man bezüglich der Charactere und der emotionalen Basis gespielt haben sollte. Es macht auch anderen Spielen vor, wie man ein Feature, in diesem Falle die Konflikt-Sitationen mit den unterschiedlichen Wahlmöglichkeiten, umzusetzen hat und wie man den Spieler in Konflikt-Situationen bringt und ihn über sich und seine Entscheidungen zum Nachdenken bringt.

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